Aus unserer Reihe über Kapitalmarkttheorien
von Dr. Conrad Mattern, Conquest Investment Advisory AG
Die klassische Kapitalmarkttheorie geht davon aus, dass Investoren rational handeln, über vollständige Informationen verfügen und sich bei ihren Entscheidungen nicht von gerade vorhandenen Stimmungen beeinflussen lassen. Jeder der sich einmal selbstkritisch betrachtet wird wohl eingestehen müssen, dass dies für ihn selbst nicht gerade zutrifft. Und damit wird man nicht alleine sein. Das ist der Anknüpfungspunkt einer recht neuen Forschungsrichtung, der Behavioral Finance. Sie untersucht die Entwicklungen an den Märkten, vor allem aber das Verhalten der Anleger mit verhaltenswissenschaftlichen Ansätzen und stellt somit eine Verbindung zwischen psychologischen und Finanzmarktthemen dar.
Die klassische Theorie basiert vor allem auf der Annahme, dass Investitionsentscheidungen auf der Abwägung von geschätztem Risiko und dem erwarteten Ertrag getroffen werden.
Die Behavioral Finance sieht dagegen vor allem die Faktoren Gier und Furcht als die zentralen Säulen einer Anlageentscheidung. Je nachdem welcher dieser beiden Faktoren gerade überwiegt treffen die Anleger unterschiedliche Entscheidungen, ohne dies rational begründen zu können. Das Bauchgefühl ist dabei meist der Ratgeber, der am lautesten schreit.
Die Behavioral Finance konnte eine Reihe an typischen Verhaltensmustern identifizieren und erklären, warum Anleger sich so verhalten. Jeder kennt wohl den Effekt des Herdentriebs, bei dem Anleger einem Thema hinterher rennen. Sie sehen die beeindruckende Entwicklung der vergangenen Monate, ärgern sich, dass sie nicht dabei waren und hoffen, ab sofort dann doch noch an dem Trend partizipieren zu können. Also springen sie auf den fahrenden Zug auf. Sie freuen sich dann vielleicht noch über die Gewinne, die kurz nach dem Einstieg zu erzielen sind und werden gierig. Was in der Vergangenheit funktionierte, wird schon noch weitergehen, Entwicklungen werden also einfach in die Zukunft fortgeschrieben. Das führt dann aber häufig zu Enttäuschungen, wenn man zu spät kommt, so wie bei dem Thema TMT (Technologie, Medien & Telekommunikation) im Jahr 2000 oder zuletzt bei der China-Euphorie.
Eine Grundregel erfolgreichen Investierens lautet „Gewinne laufen lassen, Verluste begrenzen“. Die Realität sieht aber meist anders aus, denn wenn ein Verlust auftritt ist das das Zeichen einer Fehlentscheidung, die zuvor getroffen wurde. Wird der Verlust realisiert, ist der Fehler für immer und ewig in den Depotauszügen dokumentiert. Es gibt ja aber auch noch die Hoffnung, dass sich der Kurs wieder erholt. Also bleibt man solange darauf sitzen, bis der Einstandspreis wieder erreicht ist – oder die Schmerzen in Form weiterer Kursverluste so groß geworden sind, dass man sie nicht mehr auszuhalten glaubt. Also kapituliert der Anleger letztendlich doch. Der Wendepunkt an den Märkten ist dann meist erreicht, wenn viele Anleger die Segel streichen. Umgekehrt werden Gewinne viel zu früh realisiert. Denn die stehen dann eben auch in den Auszügen und „beweisen“, dass man eine richtige Entscheidung getroffen hatte. Sie erbrachte ja schließlich einen Gewinn. Der entgangene Gewinn, der sich nach dem Verkauf erst eingestellt hätte, wird dagegen ignoriert. Ähnliche Effekte gibt es noch in einer großen Vielzahl. So neigen viele Anleger zur Selbstüberschätzung und handeln deshalb viel zu oft, was letztendlich nur Transaktionskosten erzeugt, aber nicht unbedingt mehr Ertrag erwirtschaftet. Auch betrachten viele Investoren primär die Einzelpositionen in ihrem Depot und vernachlässigen dabei die Zusammenhänge zwischen ihnen. Das wird von der Behavioral Finance als mentale Konten bezeichnet und führt letztendlich zu einem Portfoliorisiko, das sich deutlich von dem erwarteten Risiko unterscheidet. Die Behavioral Finance ist ein recht junger Wissenschaftszweig, der aber im Jahr 2002 bereits mit dem Nobelpreis geadelt wurde. Das Wissen über die typischen Anlegerfehler hilft nicht immer, diese auch zu vermeiden. Aber je mehr man sich mit ihnen beschäftigt, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß die Fehlerquote verringert wird. Das macht sich dann langfristig auch in der Performance bemerkbar.















